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EU Cloud and AI Development Act (CADA): Was Schweizer KMU über Infrastruktur-Souveränität wissen müssen

EU Cloud and AI Development Act (CADA): Was Schweizer KMU über Infrastruktur-Souveränität wissen müssen

Auf den Punkt

Der EU Cloud and AI Development Act (CADA) führt vier Souveränitätsstufen ein, die faktisch zur Beschaffungsrichtlinie für Schweizer Unternehmen mit EU-Geschäft werden. Level 1 verlangt EU-Infrastruktur, Level 2 zusätzlich Unabhängigkeit von Drittstaaten-Gesetzen wie dem US CLOUD Act, Level 3 EU-Eigentum und -Kontrolle. Rund 80 Prozent der professionellen Cloud-Ausgaben in der EU entfallen heute auf US-Anbieter – CADA adressiert diese strategische Verwundbarkeit durch harmonisierte Compliance-Bewertung ab 2028/2029, doch viele Vergabestellen fordern die Kriterien bereits jetzt.

Warum CADA für Schweizer Unternehmen trotz Nicht-EU-Status relevant ist

Am 3. Juni 2026 veröffentlichte die Europäische Kommission den Entwurf des Cloud and AI Development Act (CADA) als Herzstück ihres Tech Sovereignty Package. Das erklärte Ziel: die Datacenter-Kapazität in der EU binnen fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Die Schweiz steht formell ausserhalb der EU-Rechtsordnung, doch Schweizer KMU mit EU-Kunden, EU-Niederlassungen oder Zulieferverträgen für öffentliche Auftraggeber werden CADA-Anforderungen faktisch erfüllen müssen. Instrumente wie das JEFTA-Abkommen verlangen Gleichstellung, und Vergabestellen in Frankreich, Deutschland und den Niederlassungen beziehen die vier Souveränitätsstufen bereits jetzt in Ausschreibungen ein – lange bevor CADA nach dem Trilog-Verfahren frühestens 2027 verabschiedet wird und 12 bis 24 Monate später in Kraft tritt.

Für dich als CFO oder CTO bedeutet das: Infrastruktur-Entscheidungen, die du heute triffst, entscheiden über Compliance-Risiken und Vertragsfähigkeit von morgen. Der Wechsel zwischen Cloud- oder KI-Anbietern ist technisch aufwändig und vertraglich teuer – wer wartet, bis der Kunde Level 2 oder 3 verlangt, steht unter Zeitdruck und verliert Verhandlungsmacht.

Die vier Souveränitätsstufen (Union Assurance Levels) im Überblick

Level 1 – EU Location: Daten bleiben in der Union

Level 1 verlangt, dass Daten ausschliesslich in EU-Infrastruktur verarbeitet und gespeichert werden. Zusätzlich darf der Provider keiner Jurisdiktion unterliegen, die ihn verpflichtet, Software-Schwachstellen an Drittstaaten zu melden, bevor ein Exploit geschlossen ist. Diese Stufe deckt rund 70 Prozent aller öffentlichen Cloud-Verträge ab und ist für EU-Tochtergesellschaften von AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud mit reiner Daten-Residency grundsätzlich erfüllbar.

Level 2 – EU Location + Independence: Unabhängigkeit von Drittstaaten-Gesetzen

Level 2 verschärft die Anforderungen erheblich: Der Anbieter muss nachweisen, dass er unabhängig von Drittstaaten-Einfluss agiert, die Software-Supply-Chain transparent macht und keinen «Kill-Switch» durch fremde Sanktionsgesetze besitzt. Hier entsteht der Konflikt mit dem US CLOUD Act, der US-Unternehmen verpflichtet, auf Anordnung Daten herauszugeben – auch wenn sie in der EU gespeichert sind. Etwa 20 Prozent der Verträge fallen in diese Kategorie. Geopolitische Abhängigkeiten von US-amerikanischer KI sind kein theoretisches Risiko – CADA Level 2 adressiert genau diese Verwundbarkeit.

Level 3 – EU Ownership & Control: Eigentum und Governance

Level 3 verlangt EU-Eigentum und EU-Kontrolle des Providers sowie Personal- und Governance-Anforderungen – etwa EU-Bürgerschaft für kritische Mitarbeitende. Die Kommission kann Drittstaaten-Anbieter im Einzelfall anerkennen, doch die Hürde ist hoch. Diese Stufe richtet sich an sensible Workloads in Finanzdienstleistung, Gesundheitswesen oder kritischer Infrastruktur.

Level 4 – Full Sovereignty: Vollständige Transparenz für höchst-kritische Systeme

Level 4 fordert vollständige Transparenz und Kontrolle über die Software-Supply-Chain; keine Einflussnahme durch Drittstaaten darf möglich sein. Diese Stufe ist Verteidigung, Nachrichtendiensten und höchst-kritischer Infrastruktur vorbehalten. Zusammen mit Level 3 machen diese beiden Stufen etwa 10 bis 11 Prozent der Verträge aus – doch sie setzen den Standard für die langfristige Marktentwicklung.

Der Compliance Cascade: CADA stapelt auf AI Act, NIS2, DORA und Data Act

CADA ist kein isoliertes Regelwerk. Die Cloud Security Alliance spricht vom «Compliance Cascade»: CADA stapelt auf AI Act, NIS2, DORA und Data Act – jedes Framework verlangt eigene Assessments, mit überlappenden Beweisnachweisen. Schweizer Unternehmen, die bereits EU AI Act Omnibus-Anforderungen für KI-Agenten und Hochrisiko-KI erfüllen müssen, stehen nun vor einer zweiten Prüfebene: der Infrastruktur-Souveränität. Wer seine Cloud- und KI-Infrastruktur heute strategisch plant, kann beide Regelwerke mit einem integrierten Governance-Modell abdecken.

Zeitfenster schliesst sich

Viele EU-Vergabestellen verlangen CADA-Kriterien bereits jetzt in Ausschreibungen, obwohl der Act frühestens 2028/2029 verbindlich wird. Wer wartet, verliert Aufträge.

US-Anbieter kontrollieren 80 Prozent der EU-Cloud-Ausgaben – und nun?

Die Europäische Kommission sieht die strukturelle Abhängigkeit als strategische Verwundbarkeit: US-Anbieter kontrollieren rund 80 Prozent der professionellen Cloud-Ausgaben in der EU. Lawfare Media kommentierte am 3. Juni 2026: «CADA represents a significant change in tone for the Commission, which has maintained its 'open market' credentials long after the U.S. and China abandoned them.» Industrie-Verbände wie ITIF, CCIA Europe und die Business Software Alliance kritisierten CADA als protektionistisch und diskriminierend – doch die politische Dynamik ist eindeutig.

Für Schweizer Entscheider heisst das: Vendor-Diversifikation bei Cloud- und KI-Infrastruktur wird vom Nice-to-have zur Compliance-Notwendigkeit. Wer heute ausschliesslich auf AWS, Azure oder Google Cloud setzt, muss für Level-2-Projekte entweder einen Exit-Plan nachweisen oder einen hybriden Stack mit EU-Anbietern wie OVHcloud, Scaleway, Mistral oder Aleph Alpha aufbauen.

Konkrete Entscheidungsfragen für CFO und CTO

  • Welche deiner Kunden oder Projekte fallen unter öffentliche Beschaffung oder kritische Infrastruktur in der EU?
  • Kannst du heute transparent dokumentieren, wo deine Daten verarbeitet werden und wer Zugriff hat?
  • Hast du einen vertraglichen Exit-Plan für den Fall, dass dein Cloud- oder KI-Provider durch Sanktionen, Übernahme oder Jurisdiktionswechsel Level-2-Anforderungen nicht mehr erfüllt?
  • Wie hoch sind deine Migrationskosten und wie lange dauert ein Provider-Wechsel realistisch?
  • Verfügst du über interne oder externe Expertise, um EU-Anbieter technisch und vertraglich zu bewerten?

Diese Fragen sind nicht theoretisch. Token-Billing-Eskalation und fehlende Infrastruktur-Kontrolle treiben bereits heute ungeplante Kosten, und CADA verschärft den Druck, strategische Kontrolle zurückzugewinnen.

Schweizer Open-Source- und Confidential-Computing-Alternativen

Die Schweiz ist nicht passiver Zuschauer. Die ETH Zürich entwickelt mit Apertus LLM eine Open-Source-Alternative mit Confidential Computing, die Level-3- und Level-4-Anforderungen erfüllen kann. Für Schweizer KMU bedeutet das: Eine hybride Strategie aus EU-konformen Cloud-Anbietern, Schweizer Open-Source-Modellen und selektiver Nutzung von US-Hyperscalern für unkritische Workloads ist technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll.

Frühzeitig Pilotprojekte starten

Teste EU-Anbieter und Schweizer Open-Source-Stacks in unkritischen Projekten, bevor der Kunde Level 2 oder 3 verlangt. So gewinnst du Verhandlungsmacht und vermeidest Notfall-Migrationen.

Handlungsempfehlungen: Was du jetzt tun kannst

  1. Inventarisiere deine Cloud- und KI-Infrastruktur: Wo liegen Daten, wer hat Zugriff, welche Jurisdiktion gilt?
  2. Bewerte bestehende Verträge: Gibt es Exit-Klauseln, Daten-Portabilität, transparente Subprocessor-Listen?
  3. Führe einen Vendor-Health-Check durch: Erfüllt dein Anbieter Level 1, 2 oder 3 – und wenn nicht, welche Alternativen gibt es?
  4. Definiere interne Richtlinien: Welche Workloads dürfen auf US-Infrastruktur laufen, welche verlangen EU- oder Schweizer Souveränität?
  5. Baue Expertise auf: Schule dein Team oder hole externe Unterstützung für EU-Compliance und Multi-Cloud-Architektur.

80%

der EU-Cloud-Ausgaben entfallen auf US-Anbieter – CADA will diese strategische Abhängigkeit bis 2033 halbieren

Fazit: Infrastruktur-Souveränität ist jetzt Führungsaufgabe

CADA ist noch Entwurf, doch die Marktdynamik ist real. Schweizer KMU, die heute Neocloud-Alternativen und hybride Architekturen prüfen, sichern sich Handlungsspielraum für morgen. Die vier Souveränitätsstufen sind nicht nur Compliance-Anforderung – sie sind Entscheidungsrahmen für strategische Unabhängigkeit, Kostensteuerung und Risikominderung. Wer wartet, bis der Kunde Level 2 verlangt, steht unter Zeitdruck. Wer jetzt handelt, gestaltet die eigene Infrastruktur-Souveränität aktiv.

Häufige Fragen

Was ist der EU Cloud and AI Development Act (CADA)?
CADA ist ein EU-Gesetzesentwurf, der vier Souveränitätsstufen für Cloud- und KI-Infrastruktur definiert. Ziel ist die Reduktion strategischer Abhängigkeiten von Drittstaaten und die Verdreifachung der EU-Datacenter-Kapazität bis 2033. CADA wird frühestens 2027 verabschiedet, erste verbindliche Anwendung ab 2028/2029.
Betrifft CADA Schweizer Unternehmen, obwohl die Schweiz nicht in der EU ist?
Ja. Schweizer KMU mit EU-Kunden, EU-Niederlassungen oder Zulieferverträgen für öffentliche Auftraggeber müssen CADA-Anforderungen faktisch erfüllen. Viele EU-Vergabestellen verlangen die Souveränitätsstufen bereits jetzt in Ausschreibungen, auch vor Inkrafttreten.
Was ist der Unterschied zwischen CADA Level 1 und Level 2?
Level 1 verlangt EU-Infrastruktur und keine Meldepflicht von Schwachstellen an Drittstaaten. Level 2 fordert zusätzlich Unabhängigkeit von Drittstaaten-Gesetzen wie dem US CLOUD Act, transparente Software-Supply-Chain und Nachweis, dass kein «Kill-Switch» durch fremde Sanktionen existiert.
Können US-Anbieter wie AWS, Azure oder Google Cloud CADA Level 2 erfüllen?
Schwierig. Der US CLOUD Act verpflichtet US-Unternehmen, auf Anordnung Daten herauszugeben – auch wenn sie in der EU gespeichert sind. Das widerspricht Level-2-Anforderungen. EU-Tochtergesellschaften können Level 1 erfüllen, Level 2 erfordert aber Unabhängigkeit von der US-Muttergesellschaft, die vertraglich kaum darstellbar ist.
Welche Alternativen gibt es zu US-Hyperscalern für Level-2- und Level-3-Projekte?
EU-Anbieter wie OVHcloud, Scaleway, Mistral oder Aleph Alpha erfüllen Level 2 und teilweise Level 3. Schweizer Open-Source-Modelle wie Apertus LLM der ETH Zürich mit Confidential Computing können Level 3 und 4 adressieren. Eine hybride Strategie kombiniert diese Anbieter mit selektiver Nutzung von US-Clouds für unkritische Workloads.
Wann muss ich als Schweizer Unternehmen mit CADA-Anforderungen rechnen?
Viele EU-Vergabestellen verlangen CADA-Kriterien bereits jetzt. Verbindlich wird CADA frühestens 2028/2029, doch wer wartet, verliert Aufträge und steht bei Kundenanforderungen unter Zeitdruck. Infrastruktur-Entscheidungen heute bestimmen Compliance-Risiken von morgen.

Quellen

Chris Jon Graf
Über den Autor & Ihr direkter Ansprechpartner

Chris Jon Graf · KI-Stratege & CEO

Seit über 15 Jahren baut Chris Jon Graf produktive Schweizer Softwareplattformen und berät Geschäftsleitungen beim strategischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Möchten Sie dieses Thema für Ihr Unternehmen einordnen?

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