Wie KI-Agenten wirklich funktionieren: Tool-Aufruf für Entscheider

Auf den Punkt
Ein KI-Agent unterscheidet sich von einem Chatbot durch einen iterativen Loop: Er plant (Reason), ruft Werkzeuge auf (Act) und prüft das Ergebnis (Observe) – wiederholt, bis die Aufgabe erledigt ist. Dieser Function-Calling-Mechanismus bestimmt Kosten, Kontrolle und Risiko deiner Agentic-AI-Investition.
Wenn ein Vendor dir «agentic AI» verkauft, kaufst du in Wirklichkeit einen Mechanismus: ein Large Language Model, das nicht nur antwortet, sondern in einer Schleife denkt, handelt und das Ergebnis seiner Handlung prüft – so lange, bis eine Aufgabe erledigt ist oder ein Abbruchkriterium erreicht wird. Wer diesen Mechanismus nicht versteht, kann weder Make-vs-Buy-Entscheidungen treffen noch die Governance-Frage beantworten, wer für einen autonomen Fehlentscheid haftet.
Chatbot vs. Agent: der entscheidende Unterschied
Ein Chatbot beantwortet eine Eingabe mit einer Ausgabe. Ein Prompt, eine Antwort, fertig. Ein KI-Agent dagegen erhält ein Ziel und arbeitet selbstständig darauf hin – er entscheidet zwischen mehreren Schritten, ruft externe Systeme auf und passt sein Vorgehen an, wenn ein Zwischenschritt scheitert. Diese Verschiebung von der Einzelantwort zum iterativen Prozess ist der Grund, warum 2026 als Wendepunkt gilt: Details dazu findest du in unserer Einordnung Warum 2026 das Jahr der autonomen Agenten wird.
Die Agent Loop: Reason → Act → Observe
Oracle beschreibt in seinem AI Developer Hub die Agent-Architektur präzise als «iterativen Execution Cycle»: Der Agent überlegt sich den nächsten Schritt (Reason), führt eine Aktion aus – meist einen Werkzeugaufruf (Act) – und wertet das Resultat aus (Observe). Dieser Zyklus wiederholt sich, bis die Aufgabe gelöst ist oder ein definiertes Stoppkriterium greift. Genau hier liegt der technische Unterschied zu klassischer Automatisierung: Der Ablauf ist nicht fest verdrahtet, sondern wird bei jedem Durchlauf neu vom Modell bestimmt.
- Reason: Das Modell analysiert Ziel, verfügbaren Kontext und mögliche nächste Schritte.
- Act: Es wählt ein Werkzeug aus und ruft es mit strukturierten Parametern auf – eine Datenbankabfrage, eine API, ein Code-Interpreter.
- Observe: Das Ergebnis des Aufrufs wird zurück in den Kontext geschrieben und bewertet.
- Loop oder Stop: Ist das Ziel erreicht, endet der Zyklus – sonst beginnt die nächste Reason-Phase mit erweitertem Wissen.
Function Calling: wie ein Agent tatsächlich ein Werkzeug aufruft
Technisch basiert der Werkzeugaufruf auf einem JSON-Schema: Das Modell erhält eine Liste verfügbarer Funktionen mit Namen, Beschreibung und erwarteten Parametern und entscheidet, welche davon aufgerufen wird – so definieren es die OpenAI Function-Calling-Dokumentation. Anthropic geht mit seinem «Advanced Tool Use» (November 2025) einen Schritt weiter: Programmatic Tool Calling erlaubt Ketten von Aufrufen in einem Durchgang, eine Tool Search Tool findet bei grossen Werkzeugkatalogen die passende Funktion, und Code Execution lässt den Agenten eigenständig Skripte ausführen statt nur vordefinierte Endpunkte anzusprechen. Welches Werkzeug ein Agent in welcher Reihenfolge wählt, ist keine triviale Frage – wir haben die Entscheidungslogik separat aufgeschlüsselt: Welches Tool ruft ein KI-Agent zuerst auf?
- Anthropic: 8.4 von 10 Punkten Zuverlässigkeit bei Function-Calling-Aufgaben (DigitalApplied Q1-2026-Benchmark)
- Google: 7.9 von 10 Punkten
- OpenAI: 6.3 von 10 Punkten
Diese Differenz ist für Einkaufsentscheider relevant: Nicht jedes Modell ruft Werkzeuge gleich verlässlich auf. Der QVeris-Vergleich der Function-Calling-APIs von OpenAI, Anthropic und Google zeigt, dass sich Modellwahl direkt auf Fehlerquote, Nacharbeit und damit auf die Total Cost of Ownership eines Agenten auswirkt – ein Faktor, den viele Pitches unterschlagen.
Architektur-Entscheidungen, die über Erfolg entscheiden
Deterministisch vs. probabilistisch
Ein LLM ist probabilistisch: Dieselbe Eingabe kann zu leicht unterschiedlichen Ausgaben führen. Für unternehmenskritische Prozesse ist das ein Risiko. Salesforce beschreibt in seinem Agentforce-Blog acht Entwicklungsrichtungen, mit denen Anbieter dieses Risiko einhegen – darunter deterministische Guardrails, die bestimmte Schritte fest vorschreiben, sowie «Agent Script» als kontrolliertere Alternative zu freiem Reasoning. Wer einen Agenten kauft, sollte fragen: Welche Schritte im Loop sind deterministisch fixiert, und welche überlässt der Anbieter dem Modell?
RAG-Grounding und das IDEAL-Stack-Modell
Retrieval-Augmented Generation verankert die Antworten eines Agenten in geprüften Unternehmensdaten statt im reinen Modellwissen und reduziert damit Halluzinationsrisiko bei jedem Reasoning-Schritt. Neontri fasst die notwendige Architektur im IDEAL-Fünf-Schichten-Modell zusammen: Intelligence (das Modell selbst), Decision (Planungslogik), Execution (Orchestrierung des Loops), Action (die eigentlichen Werkzeugaufrufe) und Learned (Feedback-Schleifen aus vergangenen Ausführungen). Fehlt eine dieser Schichten, entsteht entweder ein überautonomer, unkontrollierbarer Agent oder ein teurer Chatbot mit Agenten-Etikett. Wie unterschiedliche Standards diese Schichten technisch verbinden, erklären wir in Agent Standards War: Was der MCP-Konflikt für Schweizer KMU bedeutet.
Was Agentic AI wirklich kostet
Jeder Durchlauf der Agent Loop kostet einen zusätzlichen Modellaufruf – Reasoning, Werkzeugwahl und Auswertung sind separate Inferenzen. In der Praxis kalkulieren CFOs deshalb mit deutlich höher als die Kosten eines einfachen Chatbot-Requests für einen Single-Agenten. Bei Multi-Agenten-Orchestrierung, wie sie Beam AI in seinen Agentic Insights beschreibt, kommen Kommunikation zwischen spezialisierten Teilagenten und domänenspezifischen Modellen hinzu – hier steigen die Kosten deutlich an und können ein Vielfaches eines einfachen Chatbot-Aufrufs erreichen. Wer diese Struktur nicht kennt, budgetiert ein Pilotprojekt falsch und erlebt beim Skalieren eine böse Überraschung.
40%
der Enterprise-Applikationen binden 2026 KI-Agenten ein – 2025 waren es unter 5% (Gartner)
31%
der Unternehmen betreiben mindestens einen KI-Agenten produktiv (S&P Global / McKinsey, 2026)
Die Lücke zwischen Pilotprojekt und produktivem Nutzen bleibt gross: McKinsey beziffert den Anteil der Unternehmen, die Agenten bereits skalieren, auf 23%, während 39% im Experimentierstadium feststecken. Am weitesten ist die Finanzbranche: In Banking und Insurance laufen bei 47% der Unternehmen bereits produktive Agenten, mit einer medianen Time-to-Value von 5.1 Monaten.
3.7x
durchschnittlicher Return produktiver Agenten-Projekte
40%+
der Agenten-Projekte werden laut Gartner-Prognose bis 2027 wieder eingestellt
Die Kehrseite des Hypes
Ein Return von 3.7x bei produktiven Projekten klingt überzeugend – doch dieselbe Prognose sagt voraus, dass über 40% der gestarteten Agenten-Projekte bis 2027 wieder eingestellt werden. Der Unterschied liegt fast immer in Architektur, Guardrails und Observability, nicht im gewählten Modell.
Observability: Was du von jedem Vendor verlangen musst
Ein Agent, dessen Reason-Act-Observe-Zyklen nicht lückenlos protokolliert werden, ist eine Blackbox mit Handlungsvollmacht. Salesforce nennt in seiner Agentforce-Übersicht einen dedizierten Observability-Stack und einen strukturierten Agent Development Lifecycle (ADLC) als Reifegrad-Merkmale, ergänzt um Massnahmen wie Latenzreduktion von bis zu 70% durch effizientere Harnesses. Für dich als Entscheider heisst das konkret: Verlange vollständige Trace-Logs jedes einzelnen Loop-Durchlaufs, nachvollziehbare Begründungen für jede Werkzeugwahl und die Möglichkeit, einzelne Aktionen im Nachhinein zu prüfen – nicht nur das Endergebnis.
Schweizer Governance: revDSG und EU AI Act
Autonome Entscheide eines Agenten fallen in der Schweiz unter die Regeln zu automatisierten Einzelentscheiden im revidierten Datenschutzgesetz: Betroffene Personen haben ein Recht, eine automatisierte Entscheidung anzufechten und eine menschliche Überprüfung zu verlangen. Wer Agenten für Kreditentscheide, Personalprozesse oder Kundenkommunikation einsetzt, muss diesen Prozess vorab technisch abbilden können – was wiederum vollständige Observability voraussetzt. Zusätzlich wirken die Transparenzpflichten des EU AI Act ab August 2026 auf Schweizer Unternehmen mit EU-Bezug oder EU-basierten Modellanbietern durch. Governance ist damit kein Compliance-Anhängsel, sondern ein Architekturmerkmal, das von Anfang an mitgebaut werden muss.
Make-vs-Buy: die Entscheidung für dein Unternehmen
Wer die Agent Loop, Function Calling, Guardrails und Observability als zusammenhängenden Mechanismus versteht, kann einen Vendor-Pitch in Sekunden entlarven: Fragt der Anbieter nach deinem Use Case, bevor er über Reasoning-Architektur, deterministische Grenzen und Trace-Logging spricht, fehlt ihm entweder die technische Tiefe oder die Bereitschaft zur Transparenz. Die Wahl zwischen Eigenbau und externem Betrieb ist letztlich eine Frage der Kontrolle über genau diese Bausteine – nicht eine Frage des Modell-Namens auf der Rechnung.
Checkliste für den nächsten Vendor-Pitch
Frage konkret: Welche Schritte im Loop sind deterministisch fixiert? Welches Modell wird für Function Calling genutzt und mit welcher gemessenen Zuverlässigkeit? Wie werden RAG-Quellen aktuell gehalten? Gibt es vollständige Trace-Logs pro Ausführung? Und: Wie wird ein automatisierter Entscheid im Sinne des revDSG menschlich überprüfbar gemacht?
Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen einem Chatbot und einem KI-Agenten?
- Ein Chatbot liefert auf eine Eingabe eine einzelne Antwort. Ein KI-Agent verfolgt ein Ziel über mehrere Schritte hinweg: Er plant, ruft Werkzeuge auf, wertet Ergebnisse aus und wiederholt diesen Zyklus selbstständig, bis die Aufgabe erledigt ist.
- Wie funktioniert Function Calling technisch?
- Das Modell erhält eine Liste verfügbarer Funktionen als JSON-Schema mit Namen, Beschreibung und Parametern. Es entscheidet, welche Funktion mit welchen Werten aufgerufen wird, das System führt den Aufruf aus, und das Ergebnis fliesst zurück in den Kontext des Modells.
- Warum sind Multi-Agenten-Systeme so viel teurer als ein einzelner Agent?
- Jeder Loop-Durchlauf erfordert einen zusätzlichen Modellaufruf. Bei mehreren koordinierten Teilagenten kommen Kommunikations- und Orchestrierungs-Overhead hinzu, wodurch die Gesamtkosten gegenüber einem einfachen Chatbot-Aufruf deutlich stärker steigen als bei einem Single-Agenten-Setup.
- Was bedeuten deterministische Guardrails bei KI-Agenten?
- Deterministische Guardrails legen bestimmte Schritte oder Grenzen im Ablauf fest verdrahtet fest, statt sie dem probabilistischen Reasoning des Modells zu überlassen. Sie reduzieren Unvorhersehbarkeit in kritischen Prozessschritten.
- Welche regulatorischen Anforderungen gelten in der Schweiz für autonome KI-Entscheide?
- Das revidierte Datenschutzgesetz (revDSG) gibt betroffenen Personen bei automatisierten Einzelentscheiden das Recht auf menschliche Überprüfung. Für Unternehmen mit EU-Bezug greifen zusätzlich die Transparenzpflichten des EU AI Act ab August 2026.
- Wie lange dauert es, bis ein Agenten-Projekt produktiven Nutzen bringt?
- Branchenweit liegt die mediane Time-to-Value bei rund 5.1 Monaten, wobei Banking und Insurance mit einer Produktionsquote von 47% am weitesten fortgeschritten sind.
Quellen
- Oracle AI Developer Hub: What Is the AI Agent Loop? The Core Architecture Behind Autonomous AI Systems
- OpenAI Function Calling Documentation
- Anthropic: Introducing Advanced Tool Use on the Claude Developer Platform
- Neontri: Enterprise AI Agents - 2026 Strategy & Deployment Guide
- QVeris: Function Calling - OpenAI vs Anthropic vs Google (2026)
- Salesforce Blog: 8 Ways AI Agents Are Evolving in 2026
- Beam AI: 7 Enterprise AI Agent Trends Defining 2026
- Paul Okhrem: Enterprise AI Agent Stats 2026
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